Vorwort

Diese Broschüre ist das Ergebnis des zweisemestrigen studentischen Forschungsseminars „Die ‚Neue Rechte‘ als gesellschaftliches Phänomen“. Das sogenannte Q-Tutorium fand im Rahmen des Q-Programms des bologna.labs an der HU Berlin statt und war entsprechend der Richtlinien des Programms auf Forschendes Lernen ausgerichtet. Das bedeutet, dass wir uns als Studierende selbstständig mit dem Thema auseinandergesetzt, eigene Forschungsideen dazu entwickelt und diese umgesetzt haben. Unsere Ergebnisse wollen wir, im Sinne von Shared Knowledge, auch anderen zur Verfügung stellen und bündeln sie deshalb hier und in der dazugehörigen Broschüre.
Wir, die Teilnehmer*innen, sind Studierende vom 1. Bachelorsemester bis zum 6. Mastersemester aus verschiedenen geisteswissenschaftlichen Studiengängen und dementsprechend unterschiedlich gelagerten Interessen und Expertisen. Gemeinsam haben wir alle, dass wir eine wissenschaftliche Beschäftigung mit den Phänomenen der sogenannten ‚Neuen Rechten‘ als äußerst wichtig erachten. Nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit führt das Thema zu starker Polarisierung und hitzigen Debatten. Wir alle wollten uns – neben der alltäglichen medialen Präsenz – eine wissenschaftliche Perspektive zu diesem Phänomen aneignen und herausfinden, wohin uns eine solche Auseinandersetzung bringt und auf welche Weise die Wissenschaft sich unserer Meinung nach einmischen kann und soll. Dabei wollten wir versuchen, die vor allem quantitativen Untersuchungen durch eine ethnografische, qualitativ orientierte Perspektive zu erweitern, die bisher eher marginal vorkommt (inzwischen gibt es jedoch immer mehr derartige Projekte zu diesem Themenfeld). Dementsprechend fragten wir in unseren Forschungen übergeordnet danach, wie ‚neurechte‘ Diskurse/Ideologien durch/in Alltagspraktiken sinnhaft gemacht werden. Des Weiteren wollten wir darüber sprechen, wie die ‚Neue Rechte‘ aus dieser Perspektive als gesamtgesellschaftliches Phänomen begriffen werden kann und welche Handlungsansätze im Umgang mit ihr angebracht sind.
Qualitative ethnografische Forschung lebt von der Nähe zu ihren Protagonist*innen in informellen Gesprächen, Interviews und der Begleitung ihres Alltags. Für uns stellte sich daher die Frage, wie wir eine solche Forschung durchführen können, die unsere Interaktionspartner*innen ernst nimmt, aber keine Plattform für die Verbreitung politischer Ideologien bietet, die unseren widersprechen. Nachdem wir im ersten Semester verschiedene Zugänge zur politischen Feldforschung kennengelernt haben, haben wir das Konzept des „researching against“ als besonders passenden Leitfaden zu methodischen Fragen bewertet. Dies ist eine ethnografische Forschung, die nicht nur Beschreiben (und damit Reproduzieren), „sondern die Kritik ist und einen Beitrag zur Veränderung des Kritisierten leisten will“1. Dafür ist vor allem wichtig, den Untersuchungsgegenstand nicht als isoliertes Randphänomen der Gesellschaft aufzugreifen, sondern in seiner Verwobenheit und Komplexität darzustellen. Wie wird eine Normalität hergestellt, in der dieses Phänomen existieren kann?
Auch die Strategie der „Empathie, aber keine Sympathie“2 war für uns ein hilfreicher Gedankenanstoß für einen konstruktiven Umgang mit unserem Forschungsinteresse: Empathisches Nachvollziehen bildet bei qualitativer Forschung die Grundlage des wissenschaftlichen Verständnisses und ist daher unabdingbar; gleichzeitig ist es dabei jedoch nicht notwendig, als Forscher*in Sympathien für die Personen und/oder deren Positionen zu entwickeln (wir denken, dass diese Regel auch allgemein für ein wissenschaftliches Ausloten zwischen Nähe und Distanz, Verstehen und Reflektieren, sinnvoll ist).
Ob sich diese beiden Ansätze in der Forschungspraxis so umsetzen lassen, bleibt für uns eine offene Frage. Beispielsweise sehen wir es als diskussionswürdig an, dass wir zwar kritisch eingebettet, aber dennoch Aussagen und Bilder der ‚Neuen Rechten‘ in dieser Broschüre reproduzieren. Wir denken deshalb, dass ein ständiges Reflektieren der eigenen Meinung und der Forschung sowie der fruchtbare Austausch miteinander zentrale Grundlagen für das Gelingen kritischer ethnografischer Forschung sind. Vor allem in gesellschaftlichen Bereichen, denen die Forschenden kritisch bis ablehnend gegenüberstehen, kommt dies zu Tragen. Für uns jedenfalls war das Zusammenkommen und Diskutieren in der Gruppe stets hilfreich, um über den eigenen Horizont hinauszudenken.
Herausgekommen sind nun ganz verschiedene Forschungsprojekte, deren (Teil-)Ergebnisse und Einblicke wir auf den folgenden Seiten zusammengestellt haben. Dabei sind wir folgenden Fragen nachgegangen:
Inwiefern inszeniert sich die ‚Neue Rechte‘ als soziale Bewegung? Wie können ‚neurechte‘ Positionen auch christlich motiviert sein oder begründet werden? Auf welche Weise intervenieren junge Frauen* der ‚Neuen Rechten‘ durch Kampagnen und Aktionen in feministische Diskurse? Welche Strategien, Anschlussversuche und Emotionstechniken stecken in Visualisierungen des Feindbilds Gender der ‚Neuen Rechten‘? Wie erzeugt die Partei AfD den Eindruck der Bürger*innennähe und des Problembewusstseins für das Leben der „einfachen Leute“ bei Wähler*innen?
Abschließend äußern sich alle Autor*innen in einer kleinen Reflexionsrunde zu ihren Erfahrungen und Erkenntnissen aus dem Q-Tutorium.
Um unser Material so umfangreich wie möglich darstellen zu können, gibt es begleitend zur Broschüre einen Blog. Dort finden sich weiterführende Informationen, auf die wir stellenweise explizit in der Broschüre verweisen.
Schließlich bedanken wird uns beim bologna.lab für die Unterstützung und insbesondere für die Möglichkeit, diesen Kurs wahrzunehmen und eine eigene Veröffentlichung zu verwirklichen; sowie bei Familie und Freund*innen, die uns während der Forschung und bei der Erstellung und Redaktion der Artikel und der gesamten Broschüre unterstützt haben.
Wir wünschen allen Lesenden eine spannende und anregende Lektüre!

Das Herausgeber*innenkollektiv gemeinsamforschen.qt

 

  1. Büchner, Abel & Kathrin Ottovay (2007): Researching against. Kritische Kulturanthropologie gegen Rechtsextremismus. In: Falk Blask (Hg.): Ein Dorf voller Narren. Karneval – Idylle – Rechtsextremismus (Berliner Blätter 43). Berlin, S. 143-160: 146. []
  2. Banks, Marcus & Andre Gingrich (2006): Neo-Nationalism in Europe and Beyond. Perspectives from Social Anthropology. New York: Berghahn Books: 11. []